Untere Stadtkirche: Kirchengemeinde will Dachsanierung voranbringen

Kosten von 500.000 Euro veranschlagt

Der von Holzschädlingen befallene Dachstuhl der Unteren Stadtkirche soll im kommenden Jahr saniert werden. Einen entsprechenden Beschluss hat das Presbyterium der Evangelischen Kirchengemeinde Wetzlar gefasst. Das hat Kirchmeister Jens-Michael Wolf bei der Jahreshauptversammlung des Fördervereins Untere Stadtkirche bekannt gegeben. 2014 war der Umfang des Schädlingsbefalls entdeckt geworden. Der Dachstuhl ist vom Gescheckten Nagekäfer (Totenuhrkäfer) befallen und die Statik daher bedroht.
Bei den Arbeiten soll das Dach im unteren Bereich bis zu einer Höhe von zwei Metern geöffnet und die schadhaften Balken ausgetauscht werden. Da in der Vergangenheit mit allerlei giftigen Stoffen dem Schädlingsbefall erfolglos zu Leibe gerückt wurden, müssten die Arbeiten mit Schutzkleidung ausgeführt werden.
Die Entscheidung des Presbyteriums wäre nicht so leicht gefallen, wenn der Förderverein nicht gezeigt hätte, dass man Menschen für die Untere Stadtkirche begeistern, sie wieder mit Leben füllen und auch Spenden für das Projekt sammeln kann. Die Kirchengemeinde hat bislang rund 170.000 Euro an Spenden für das Bauprojekt, davon 32.000 Euro vom 2014 gegründeten Förderverein. Die Kirchengemeinde müsse die Sanierung zum größten Teil aus den Rücklagen bestreiten. Im aktuellen Haushalt seien dafür keine Mittel vorhanden, so Wolf.
Der aus dem 13. Jahrhundert stammende Teil des ehemaligen Franziskanerklosters wurde 1983 außen und 1989 innen grundlegend restauriert. Vor elf Jahren wurde auch das Dach saniert, die Balken aber ausgespart.
Auch der Sockel muss saniert werden. Dort sind die Wände bis auf die Höhe von 1,5 Meter durchnässt. Diese Maßnahme müsse aber zunächst noch warten, so Wolf. Vor drei Jahren war der Putz an der Außenmauer bis zu 50 Zentimeter Höhe abgeschlagen worden. Dies habe zu einer Entspannung der Lage geführt.

Die Untere Stadtkirche hat bereits eine lange Tradition. Ursprünglich gehörte sie zu dem Franziskanerkloster und wurde deshalb auch lange Zeit Franziskanerkirche genannt. 1248 werden zwei Franziskanerbrüder in einer Urkunde genannt. Das Franziskanerkloster wird 1278 erstmals genannt. Um 1300 ist die Kirche entstanden, blickt also auf eine über 700-jährige Geschichte zurück. Unter dem Altar des Chorraums floss der Wetzbach hindurch. Der heutige Schillerplatz war der Friedhof des Klosters.
Nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 fand das Franziskanerkloster ein vorläufiges Ende. Die Stadt richtete im Kloster eine lateinische Stadtschule sowie Wohnungen für die Lehrer und evangelischen Geistlichen ein. Die Klosterkirche wurde in eine lutherische Kirche umgewandelt.
Nach dem Zuzug von sechzig wallonischen Familien aus den spanischen Niederlanden, die 1586 wegen ihres reformierten Glaubens nach Wetzlar flohen, wurde die Untere Stadtkirche als reformierte Kirche für französischssprachige Gottesdienste genutzt. Während die Reformierten sich im Chor der Franziskanerkirche trafen, hielten die Lutheraner ihren Gottesdienst im Hauptschiff ab. 1626 mussten Kloster und Kirche während der spanischen Besatzung im Dreißigjährigen Krieg an die Franziskanermönche zurückgegeben werden. Unter der schwedisch-protestantischen Besetzung konnten die Lutheraner ab 1632 für kurze Zeit das Kloster wieder für sich gewinnen, mussten es aber bereits 1634 wieder den Franziskanern überlassen. Diese verließen nach dem Dreißigjährigen Krieg 1649 die Stadt.
Seit 1650 wurde hier wieder evangelisch-lutherisch gepredigt und Unterricht in der Stadtschule erteilt. Erst 1660 erhielt die reformierte Gemeinde den Klosterchor, also die heutige Untere Stadtkirche, zurück. 1675 zogen wieder die Franziskaner in ihr Kloster ein. Bis 1826 gab es Franziskanermönche in Wetzlar. Seit 1833 werden unierte Gottesdienste hier gefeiert. Das Langhaus dieser Kirche wurde 1820 zum Proviant- und Salzmagazin, danach Archiv für die Akten des Reichskammergerichtes. Das 8. Rheinische Jägerbataillon bezog 1818 das einstige Gotteshaus als Kaserne. Zwischen 1877 und 1925 war darin eine evangelische Volksschule, ehe es zur Dienststelle der NSDAP wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg machten die Amerikaner das ehemalige Kirchenschiff zum Truppengefängnis. Bis 1967 waren eine Gewerbliche und eine Kaufmännische Berufsschule in den Obergeschossen beheimatet. Im Erdgeschoss wurde das Depot der Wetzlarer Freiwillige Feuerwehr eingerichtet. Heute hat die Wetzlarer Musikschule hier ihr Domizil.

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