200 Jahre Evangelischer Kirchenkreis Wetzlar

Geschichte einer rheinischen Exklave im hessen-nassauischen Gebiet

Zum Bezirk des „Königlichen Konsistoriums des Großherzogthums Niederrhein“ soll ab sofort auch die Synode von Wetzlar zählen, „zu welcher sämmtliche im Kreise Wetzlar befindlichen Pfarreien gehören“. So steht es im „Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Coblenz“ vom 25. Januar 1818. Und so begeht der zur Evangelischen  Kirche im Rheinland gehörende Kirchenkreis Wetzlar als Exklave im Gebiet der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau  in diesem Jahr sein 200jähriges Bestehen. Wie war es dazu gekommen?
1815, als durch den Wiener Kongress, der Europa nach dem Sturz Napoleons neu ordnete, die rheinischen Gebiete zu Preußen kamen, wurde auch der Kreis Wetzlar dem Regierungsbezirk Koblenz und dann der Rheinprovinz zugeschlagen. So kamen die Synoden Wetzlar und Braunfels zur rheinischen Kirche. Dort blieben sie auch, als der Kreis Wetzlar 1932 wieder aus der Rheinprovinz herausgelöst und der Provinz Hessen-Nassau zugewiesen wurde. „Die kirchlichen Gemeinden aber glaubten, diesen Stellungswechsel nicht mitmachen zu können“, heißt es im „Gemeindebuch der Kreissynoden Braunfels und Wetzlar“ von 1953, „und beschlossen einmütig, die über 100jährige Zugehörigkeit zur Evangelischen Kirche des Rheinlands nicht aufzugeben, sondern – aus einer stillen, aber lebendig empfundenen Dankbarkeit für die in über 100 Jahren im wechselseitigen Austausch erfahrene Stützung und Belebung ihres kirchlichen Lebens – bei ihr zu bleiben.“ Mit dazu beigetragen hat auch die Entscheidungshoheit der Gemeinden in der rheinischen Kirche, die sich in der presbyterial-synodalen Ordnung widerspiegelt und die es so in der hessen-nassauischen Kirche nicht gibt.
1817 hatte König Friedrich Wilhelm III. von Preußen anlässlich des 300jährigen Reformationsjubiläums die lutherischen und reformierten Kirchengemeinden zur Union (Vereinigung) aufgefordert. Dieser Beitritt der Gemeinden zur Union fand im Kirchenkreis Wetzlar zwischen 1817 und 1840 statt. Dabei sind hier noch heute die  meisten Gottesdienste von lutherischer Tradition geprägt, während im Kirchenkreis Braunfels überwiegend der reformierte Katechismus in Gebrauch ist.
Am 27. Januar 1818 kam die Synode Wetzlar zum ersten Mal in Wetzlar zusammen. Themen waren neben weiteren die Aufgaben der Presbyterien, Entweihung der Sonn- und Festtage durch militärische Übungen, Jagden und Tänze sowie die Kirchendisziplin. Eine zweite Synode folgte im Dezember des gleichen Jahres. Hier berieten die Synodalen über die Kirchenordnung, die Union, die Einführung eines neuen Gesangbuches und die Liturgie. Die dritte Synode fand erst 12 Jahre später, also 1830 statt und behandelte die Königlich Preußische Kirchenagende. Bis heute hat es im Kirchenkreis Wetzlar insgesamt 16 Superintendenten gegeben, angefangen mit Pfarrer Alexander Weinrich (Klein-Rechtenbach) bis zum derzeit amtierenden Superintendenten Jörg Süß aus Wetzlar. Einzige Frau in diesem Amt war Superintendentin Ute Kannemann (Lützellinden, 2006-2017). Am längsten versah Pfarrer Heinrich Usener aus Oberkleen dieses Amt (1867-1894). Er war zudem 58 Jahre im Pfarramt tätig bevor er, sehr geschwächt, mit 84 in den Ruhestand trat.
Zur Entstehung einer Freireligiösen Gemeinde kam es 1858 in Krofdorf-Gleiberg. Johann Ludwig Geibel, seit 1857 dort Pfarrer, wurde vom Konsistorium  im folgenden Jahr gegen den erbitterten Widerstand der Kirchengemeinde nach Ebersgöns versetzt. Daraufhin trat eine große Anzahl der Gemeindeglieder aus der Kirche aus und bildete die freireligiöse Gemeinde.
Einschneidende Veränderungen für den gesamten Kirchenkreis brachte die Zeit des Nationalsozialismus. So gab es seit 1934 elf Jahre lang keine  ordentliche Synode mehr. Nach der Kreissynode am 19.9.1934 fand die nächste  erst wieder am 27.9.1945 statt – abgesehen von den zwei „Bekenntnissynoden“ 1936 und 1937 in Dutenhofen. Außerdem gab es in dieser Zeit keinen gewählten Superintendenten im Kirchenkreis. Assessor (stellvertretender Superintendent) Schmidt aus Wetzlar führte stattdessen die Amtsgeschäfte. Doch hatten sich die  meisten Gemeinden der „Bekennenden Kirche“, die Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime leistete, angeschlossen. Neben Pfarrer Paul Schneider (Dornholzhausen/Hochelheim) waren dies insbesondere als Vertrauensmann Pfarrer Kurt Essen aus Volpertshausen und Pfarrer  Gustav Biesgen (Reiskirchen), von 1957 bis 1975 Superintendent. Die Pfarrer, die sich zur Bekennenden Kirche hielten, gerieten in Haft (so Essen), wurden zeitweise abgesetzt und das Pfarrgehalt gesperrt, sodass die Gemeinden für den Lebensunterhalt ihrer Pfarrfamilien aufkamen (Biesgen) oder wurden versetzt, kamen ins KZ und wurden hingerichtet (Schneider). Gute Beziehungen gab es in dieser schweren Zeit auch zu den bekennenden Gemeinden im Kirchenkreis Braunfels. Wetzlarer Kirchengemeinden wie Krofdorf, Gleiberg und Kinzenbach (1968 zur hessen-nassauischen Kirche übergetreten) galten als „neutrale“ Gemeinden. Heute erinnern jährliche Veranstaltungen an der Gedenktafel im evangelischen Kirchgarten in Krofdorf an die Ausschreitungen gegen jüdische Mitbürger am 9. November 1938.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ging es bergauf: Mit dem Erwerb des „Strauchhofes“ und jetzigen Paul-Schneider-Freizeitheims bei Dornholzhausen vor mehr als 60 Jahren wurde gemeinsam mit dem Kirchenkreis Braunfels der Grundstein für die kreiskirchliche Jugendarbeit gelegt. Der Aufbau von weltweiten Städte- und Kirchenkreispartnerschaften seit den 70er Jahren, von sozialdiakonischen Einrichtungen wie das Stephanuswerk oder die „Junge Arbeit“, das Gespräch mit Judentum und Islam, das Engagement in sozialpolitischen und Friedensfragen sowie die Hilfe bei der Betreuung und Integration von Flüchtlingen in den 90er Jahren und ab 2015 sind bis heute gemeinsam mit dem Nachbarkirchenkreis Braunfels inhaltliche Schwerpunkte der Arbeit der Wetzlarer Synode.
Seit mehreren Jahrzehnten prägen zudem Finanz- und Strukturfragen die Themen auf kreiskirchlicher Ebene. Standen die 1960er Jahre noch ganz im Zeichen des Wachstums, sodass in Wetzlar 1964 die Gemeinde in die Dom-, die Heilig-Geist und die Kreuzkirchengemeinde geteilt werden konnte, wurde dies aufgrund schwindender Gemeindegliederzahlen 2006 wieder rückgängig gemacht. Seit den 1970er Jahren entstanden zahlreiche pfarramtliche Verbindungen zwischen Gemeinden, beziehungsweise Gemeinden vereinigten sich. So wurden beispielsweise aus den vor 1972 existierenden fünf Kirchengemeinden Volpertshausen, Weidenhausen, Vollnkirchen, Niederwetz und Reiskirchen inzwischen zwei, nämlich Weidenhausen-Volpertshauen-Vollnkirchen und Niederwetz/Reiskirchen. Die Kirchengemeinde Münchholzhausen, die ehemals zum Kirchenkreis Braunfels gehörte, kam aufgrund der abgelegenen Lage 1977 zum Kirchenkreis Wetzlar. 2013 entstand eine kirchenkreisübergreifende pfarramtliche Verbindung zwischen der Kirchengemeinde Garbenheim und der Kirchengemeinde Niedergirmes im Kirchenkreis Braunfels. Ein Neues Kirchliches Finanzwesen (NKF) mit Umstellung von der Kameralistik auf die kaufmännischen Buchführung wurde zum 1.1.2015 eingeführt.
Die Synode Wetzlar feiert ihre Gründung vor 200 Jahren mit einem festlichen Gottesdienst am Samstag, 27. Januar ab 19 Uhr in der Hospitalkirche (Langgasse 3). Im Anschluss gibt es einen kleinen Empfang. Es wird gleichzeitig die letzte Jubiläumsfeier des Kirchenkreises sein, denn die Synoden Braunfels und Wetzlar vereinigen sich zum 1. Januar 2019.


Quellen:
Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Coblenz, Jahrgang 1818, Nr.3, 25.Januar 1818, S.10/1
Gustav Biesgen, Die Kreissynode Wetzlar, von ihren Anfängen (1818) bis 1934 (1945), Vortrag, gehalten am 14.12.1974 auf der Kreissynode in Hochelheim
Gustav Biesgen, "Der Abpfiff“, Erinnerungen an 40 Jahre Pfarrer auf dem Lande
Frank Rudolph, 200 Jahre evangelisches Leben. Wetzlars Kirchengeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, 2009
Dr. Andreas Metzing, Überblick über die Geschichte der Kirchenkreise Wetzlar und Braunfels, Boppard 31.8.2017
Gemeindebuch der Kreissynoden Braunfels und Wetzlar, hg.v. Kreissynoden Braunfels und Wetzlar, 1953

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