
Erinnern Sie sich noch an den Mai 1986? Als plötzlich mit Becquerel gerechnet wurde? Als kontaminierte Milch weggeschüttet und Ernte untergepflügt, als Kinderspielplätze ge-schlossen wurden? Als besonders Ängstliche per Auto nach Spanien flüchteten? Am 26. April war das Kernkraftwerk in der Ukraine explodiert, das Feuer hatte die radioaktiven Gase in große Höhen gebracht und der Ostwind sie zunächst bis zu uns, später um die ganze Erde getragen.
25 Jahre liegt das jetzt zurück. Bei uns meidet man höchstens noch in einigen Regionen Bayerns wilde Beeren. In den Regionen um Tschernobyl ist das ganz anders. Die Menschen dort, vor allem Armeeangehörige, die zu Aufräumarbeiten eingesetzt wurden, sind zu Zigtausenden der Katastrophe zum Opfer gefallen, sind gestorben oder schwerkrank. Auch heute noch werden Menschen in der Umgebung von Tschernobyl, besonders die Kinder, krank, leiden vor allem an Immunschwäche und deren Folgen und an Allergien, aber auch an Krebs und Leukämie.
Damals war ziemlich klar: Die „friedliche“ Nutzung der Kernenergie ist nicht friedlich, sondern viel zu gefährlich. Zwar sind die Kernkraftwerke bei uns viel sicherer als das in Tschernobyl. Aber auch in deutschen Kernkraftwerken kam es zu schwerwiegenden Störfällen durch technische Fehler und Defekte und durch falsche Bedienung. Kernkraftwerke werden von Menschen gebaut und bedient. Und Menschen arbeiten nicht völlig fehlerfrei und zuverlässig. Darum sind Katastrophen nie ganz ausgeschlossen Zudem, noch gibt es kein Endlager für die radioaktiven Abfälle. Terroristen können immer noch Katastrophen auslösen. Und Menschen in der Nachbarschaft von Uranbergwerken leiden unter den Folgen der radioaktiven Verseuchung ringsum.
Die Landessynode der Ev. Landeskirche von Westfalen empfahl schon Ende 1986 den „Verzicht auf Kernenergienutzung so bald wie möglich“ Dazu sollte freilich gehören, „daß alle Maßnahmen ergriffen werden, um den Verbrauch und die Umweltbelastungen durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas ... zu verringern ... und Entwicklung und Einsatz erneuerbarer Energiequellen auszubauen“ und dabei auch „persönliche Komfortansprüche ... einzuschränken“. Unsere Ev. Kirche im Rheinland schloß sich dem im Frühjahr 1987 an und andere Landeskirchen äußerten sich ähnlich.
Und heute? Der beschlossene Ausstieg aus der Kernenergie wurde verschoben. Zwar wird erneuerbare Energie inzwischen in einem damals kaum vorstellbaren Maße genutzt. Aber der Verbrauch von Energie samt den Folgen für das Klima ist trotzdem gewachsen – auch in der Kirche. Heizungsanlagen wurden effizienter, aber die beheizten Wohnungen größer, elektrische Geräte wurden sparsamer und Autos im Prinzip auch, aber immer neue Geräte und schwere und größere Autos kamen auf den Markt. Geld sparen, niedrige Preise, Wirt-schaftswachstum waren und sind allemal wichtiger als der Schutz vor Kernenergie- und Klimakatastrophen.
25 Jahre seit Tschernobyl. Dieses Jubiläum ist nicht zum Jubeln. Aber mit den nötigen Konsequenzen auch in unserer Kirche, auch bei uns selbst, könnte es den Anstoß geben zu einem deutlicheren „Wir wollen keine Kernkraftwerke!“.